Warum eine rot-grüne Minderheitsregierung in
Düsseldorf Chancen hat, die gesamte Wahlperiode
zu überstehen
Kaum ein Vorgang hat der Sozialdemokratie so gründlich geschadet wie die
Versuche, eine rot-rot-grüne Regierung in Hessen zu bilden. Sie widersprachen
der Aussage vor der Wahl, nicht mit der Partei der Linken
zusammenzuarbeiten. Das war gravierend, zumal es nie gelang, klarzumachen,
dass nach dem hessischen Wahlergebnis nur zwischen Optionen zu wählen
war, die als Bruch von Wahlversprechen gewertet werden konnten: Sollte man
doch mit den Linken koalieren, oder sollte man eine große Koalition eingehen
unter dem Ministerpräsidenten Koch, dessen Abwahl man sich zum Ziel
gesetzt hatte?
Zur Katastrophe für die SPD wurde der Umstand, dass sie nicht nur jene
Wähler verprellte, die ihr die Zusammenarbeit mit der Partei der Linken
übelnahmen. Abweichler bewirkten, dass auch noch der Teil der Wähler
verärgert wurde, der, so wie die Dinge lagen, dafür war. Man hatte also alle
gegen sich aufgebracht. Und dies gleich zweimal. Zwei Anläufe, die zweimal
scheiterten. Schließlich konnte man sogar hören, die SPD sei gar nicht mehr
geschäftsfähig, nicht mehr koalitionsfähig, weil sie zu keinem gemeinsamen
Handeln mehr imstande zu sein schien. Schlimmer kann es für eine Partei
kaum kommen.
Kein Wunder, dass die Sozialdemokraten in Nordrhein-Westfalen alles getan
haben, um nicht in die hessische Falle zu geraten. Es ist ihnen gelungen. Aber
nicht nur, weil sie vorsichtiger und geschlossener agierten, sondern weil sie
sich auf ein anderes Wahlergebnis stützen konnten. In Hessen war Schwarz-
Gelb stärker als Rot-Grün, in NRW ist Rot-Grün deutlich stärker als Schwarz-
Gelb. Zwar haben CDU und SPD gleich viel Sitze (wie 2008 in Hessen), aber die
Grünen haben 23, die FDP nur 13 Abgeordnete. Das Verhältnis ist also 90 zu
80. Das ist eine klare relative Mehrheit.
Im Gegensatz zu Andrea Ypsilanti hat Hannelore Kraft eine Zusammenarbeit
mit der Linken nie ausgeschlossen, aber sie hat erkennen lassen, dass sie dies
vermeiden will. Und so hat sie nach den Sondierungsgesprächen niemanden
überrascht, als sie resigniert feststellte: Nein, mit diesem disparaten Haufen
geht"s nicht. Sie hat mit dieser Partei keine Verhandlungen geführt, auch nicht
über eine Duldung. Das war richtig. Sie konnte sich dies auch leisten.
Gesetzgebungsarbeit verlangt relative, keine absoluten Mehrheiten. Und diese
Mehrheit wird Kraft haben, solange nicht alle elf Abgeordneten der Linken für
den Rest ihres Lebens mit dem Vorwurf leben wollen, zusammen mit CDU und
FDP Rot-Grün gestürzt zu haben. Natürlich sind Entscheidungen denkbar, bei
denen die Linke gegen Rot-Grün stimmt. Aber das dürften Themen sein, bei
denen CDU oder FDP oder beide mit der Regierung einig sind. Wenn die neue
Regierung nicht weit genug geht in einer Richtung, die auch der Linkspartei
zusagt, dürften sich deren elf Abgeordnete enthalten. Mit Schwarz-Gelb
dagegenzustimmen, wäre unlogisch und auch den eigenen Wählern nicht zu
vermitteln. Man kann sehr wohl mit 90 statt mit 91 Stimmen regieren, wenn die
restlichen 91 zwei Lagern angehören, die nichts verbindet außer gegenseitige
Verachtung.
Bleibt die Frage, wie Hannelore Kraft Ministerpräsidentin werden soll. Sie wird
keinen Gegenkandidaten haben. Notfalls wird sie im vierten Wahlgang mit
relativer Mehrheit gewählt. Aber die Wahl ist geheim. Und niemand kann dem
einen oder anderen Abgeordneten der Linken verbieten zu wählen, wen er
wählen will. Dagegen ist auch nichts einzuwenden. Wichtig ist, dass die
Regierung Kraft/Löhrmann dafür nichts bezahlt hat, dass diese Regierung eben
nicht auf das Wohlwollen der Linken angewiesen ist. Wenn die Linke sich so
verhält, wie ihre Wähler dies erwarten, dann kann Hannelore Kraft Politik
machen. Die Wähler der Linken freuen sich, wenn ihre Partei Rot-Grün antreibt,
kritisiert, vielleicht auch beschimpft. Aber sie würden es ihr nicht verzeihen,
wenn sie zusammen mit CDU und FDP diese Regierung stürzt. Ehe es dafür
unter den elf Linken einen Konsens gibt, an den alle elf sich halten (und nur
dann wären CDU, FDP und Linke stärker als Rot-Grün), müssten alle
Abgeordneten dieser Partei von allen guten Geistern verlassen sein. In den
darauffolgenden Landtagswahlen hätten sie kaum eine Chance.
Die Fraktion der Linken wird wenig Macht haben im neuen Düsseldorfer
Landtag. Wenn sie klug ist, wird sie die Regierung kritisch begleiten, sie einmal
tadeln, ein andermal loben, und dies mit möglichst sachkundigen Sprechern
oder Sprecherinnen. Sie wird nicht einmal damit drohen, dass sie zusammen
mit den alten Regierungsparteien die Regierung Kraft/Löhrmann stürzen
könnte. Dann wird es sich, wie das in Parlamenten üblich ist, von selbst
ergeben, dass man auch mit diesen Abgeordneten gelegentlich ein Bier oder
gar eine Flasche Wein trinkt und dabei feststellt, so übel sei der Kollege oder
die Kollegin gar nicht, die sich bisher meist nur durch mäßig geistreiche
Zwischenrufe bemerkbar gemacht haben.
Die abgewählten Regierungsparteien, aber auch Teile der Publizistik werden
versuchen, hessische Verhältnisse anzukündigen, herbeizuschreiben oder
herbeizureden. Ihnen seien ein paar provozierende Thesen entgegengehalten,
die sogar zu Wetten einladen könnten. Erstens: Die kommende Regierung
Kraft/Löhrmann ist die logische Folge eines Wahlergebnisses, nach dem die
Gegner der alten Regierung 101, ihre Verteidiger aber nur noch 80 Sitze
erhielten. Zweitens: Für die parlamentarische Arbeit stützt sich das Frauenduo
auf 90 Abgeordnete, denen 80 Abgeordnete von CDU und FDP
gegenüberstehen. Drittens: Noch selten hat es eine Koalition gegeben, die sich
in der Sache so nahe ist, und in der die Chemie zwischen den Spitzen so
offenkundig stimmt. Viertens: Die Regierung Kraft/Löhrmann ist nicht von der
Linkspartei abhängig. Sie kann tun, was sie angekündigt hat und gelassen
abwarten, wie sich die neue Fraktion dazu verhält. Fünftens: Obwohl dieser
Koalition ein Sitz zur absoluten Mehrheit fehlt, dürfte sie ziemlich lange halten,
vielleicht über die gesamte Legislaturperiode. Wer ein rasches Ende dieser
Koalition voraussagt, setzt dabei weder auf mathematische noch auf politische
Fakten.
Denn sechstens ist zu beachten: Es könnte durchaus sein, dass auch CDU und
FDP auf absehbare Zeit kein Interesse am Ende der rot-grünen
Landesregierung haben. Im Vergleich zu Neuwahlen könnte sie das kleinere
Übel sein.
Denn sechstens ist zu beachten: Es könnte durchaus sein, dass auch CDU und
FDP auf absehbare Zeit kein Interesse am Ende der rot-grünen
Landesregierung haben. Im Vergleich zu Neuwahlen könnte sie das kleinere
Übel sein.
Erhard Eppler, 83, hatte im Lauf seines Lebens viele öffentliche Ämter inne. Er war
Entwicklungshilfeminister, Vorsitzender der SPD-Grundwertekommission und
Kirchentagspräsident.
Quelle: Süddeutsche Zeitung
Nr.141, Mittwoch, den 23. Juni 2010 , Seite 2